VALIE EXPORT (1940 – 2026)
Wir trauern um VALIE EXPORT. Die Künstlerin und Filmemacherin verstarb am 14. Mai 2026 in Wien.
Im Jahr 1967 wählt die in Linz geborene Künstlerin einen neuen Namen und löst sich aus auferlegten Ordnungen. Sie weiß um die Verstrickungen von Macht und Identität. Sie setzt einen Schnitt. VALIE EXPORT – das ist eine wiedererkennbare Marke für ihre öffentliche Künstlerinnen-Persona und ein Programm für ihre konzeptuelle ästhetische Produktion:
„Valie war sozusagen mein Nickname. Ich habe EXPORT gewählt, weil ich meine Ideen, Gedanken transportieren wollte, und weil es auch gut zu merken ist. Nachdem klar war für mich, dass EXPORT mein Künstlername ist, habe ich nach einem Objekt gesucht, das meinen Künstlernamen deutlich visualisiert. So bin ich auf die Packung der Zigarettenmarke Smart Export gekommen, die haben damals viele geraucht. Da habe ich mir gedacht, das ist einfach das Naheliegendste“ (VALIE EXPORT 2007).
VALIE EXPORT verweigert die Zuschreibungen durch Autoritäten, um selbst Autorin ihres Werks zu werden. Ihre emanzipatorische Geste verbindet sie mit dem Zigaretten-Softpack, weil es zur Hand ist. Es wird geschnitten und geklebt, bis das handliches Objekt ihr Porträt und ihren Namen trägt: VALIE EXPORT, semper et ubique, Made in Austria. Als Feier dieser lässigen Aktion erscheint die Fotografie VALIE EXPORT – SMART EXPORT Selbstporträt (1970), die gemeinsam mit Gertraud Wolfschwenger entsteht.
Ab 1960 lebt VALIE EXPORT in Wien. Sie schließt eine Ausbildung als Textil-Designerin ab. Sie arbeitet weiterhin mit dem, was zur Hand ist: mit ihren Zeitgenossen, die Sprachkunst, Protestformen, Aktionen und Film unablässig neu erfinden und miteinander in Verbindung setzen, mit dem Körper, mit der Stimme, mit der Schrift, mit dem Schmerz, mit Steinen, mit Seegras, mit Brot, mit Messern, mit Glas, mit Drähten, mit Batterien, mit Blut, mit Milch, mit Benzin, mit Leitern, mit Zügen, mit Kameras, mit Monitoren, mit der Schreibmaschine, mit der Wohnung, mit der Stadt und mit dem Strand.
Ihre Ideen und Gedanken – ihre Materialaktionen, Performances, Filme und Expanded Cinema Arbeiten – transportiert sie ab den späten 1960er Jahren in die Welt. Das Avantgardefilm-Milieu in Wien ist ästhetisch innovativ und durch persönliche Freundschaften verbunden. 1968 gründen Ernst Schmidt Jr., Hans Scheugl, Kurt Kren, Peter Weibel, VALIE EXPORT und Gottfried Schlemmer die Austria Filmmakers Cooperative. Nach dem Vorbild der bestehenden Kooperativen in New York, London, Amsterdam und Hamburg sucht dieser Zusammenschluss unabhängige Filmproduktionen zu fördern. Eigene Verleihstrukturen sollen aufgebaut werden, um die Verbreitung und Sichtbarkeit von ästhetisch anspruchsvollen Filmen zu erhöhen. In den internationalen Netzwerken des Underground-Kinos und des feministischen Films werden VALIE EXPORTs Arbeiten gezeigt, besprochen und vielfach mit Preisen geehrt. Mit ihren Filmen und Videoarbeiten ist sie unter anderem bei Festivals in Knokke, London, Köln, Paris, Amsterdam, San Francisco, New York, Los Angeles, Cannes, Locarno, Hong Kong, Berlin, Sydney, Vancouver und Montreal vertreten.
In den späten 1960er Jahren entstehen auch die Aktionen und Fotoarbeiten, in denen sich der Zeitgeist der Revolte szenisch, ikonisch und sprachlich verdichtet. Mit ihren Werktiteln begründet VALIE EXPORT eine eigene Kunst der Komposita: TAPP und TASTKINO (1968), Aktionshose: Genitalpanik (1969). Wie bei einem Splitscreen oder bei einer Einzelbildmontage im Film geht es um den abrupten Sprung zwischen Material und Sinn, zwischen Affekt und Subversion. VALIE EXPORTs Werktitel haben oft eine szenische Körperlichkeit.
Die beklemmenden Kodierungen des sozialen Verhaltens und die patriarchale Gewalt, die Frauenkörper unterwirft, sind immer wieder Gegenstand von VALIE EXPORTs fotografischen und filmischen Bildforschungen. Zu den bekanntesten Werkzyklen zählen die Körperkonfigurationen (1972–1982). Liegend, hockend, lehnend, sich dehnend fügt sich in den Schwarz-Weiß-Fotografien ein Frauenkörper in die übermächtigen Strukturen der Repräsentationsarchitektur ein – und findet doch keinen Ort. Auch in den Filmen Unsichtbare Gegner (1977) und Syntagma (1984), in denen der öffentliche Raum Wiens zum Schauplatz wird, bleiben die Protagonistinnen einem bedrohlichen, entfremdeten Außen ausgesetzt. In Syntagma arbeitet VALIE EXPORT mit Splitscreens, mit Spiegelungen, mit Bildprojektionen im profilmischen Raum und mit einer destabilisierenden Vervielfachung von Wahrnehmungsperspektiven. Die Protagonistin des Films erlebt sich gespalten in einer Welt, in der sich Bilder endlos vermehren und verschalten. Ihre Wahrnehmungen und ihr Handeln scheinen durch ihr sichtbares Dasein in der Welt strukturiert: durch die Bilder ihrer Selbst, die ihr von außen gegenübertreten.
Als bildende Künstlerin hat VALIE EXPORT traditionelle Gattungen aufgegriffen und sie durch prozessorientierte Verfahren und neue Technologien erweitert. Die vielfältigen Praktiken, Medien und kulturellen Schauplätze ihrer Arbeit sind beeindruckend: Zeichnungen, konzeptuelle Fotografien, Filme, Aktionen, Performances, performance-basierte Videos, Drehbücher, Installationen, Skulpturen im öffentlichen Raum, Fernsehdokumentationen, eine CD-ROM als navigierbares Werkverzeichnis, Manifeste, Gedichte, Texte zum Feminismus und zur Gegenwartskunst.
Museen und Ausstellungsorte wie das Centre Pompidou Paris, das Israel Museum Jerusalem, das Belvedere Museum Wien, das Kunsthaus Bregenz, das Lentos Kunstmuseum Linz, der Neue Berliner Kunstverein, der Pavillon Populaire Montpellier, das MARe Bukarest, die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, das Fotomuseum Winterthur, die Albertina Wien und das C/O Berlin widmen VALIE EXPORT Einzelausstellungen. Maria Lassnig und VALIE EXPORT sind 1980 die ersten Künstlerinnen, die Österreich bei der Biennale di Venezia (im Österreichischen Pavillon) vertreten. VALIE EXPORT nimmt an der documenta 6 (1977) und an der documenta 12 (2007) teil.
VALIE EXPORTs herausragende Leistungen in der bildenden Kunst werden 2019 mit dem Roswitha Haftmann-Preis (Schweiz) gewürdigt. 2022 erhält VALIE EXPORT den Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt am Main (Deutschland) und die Große Silberne Ehrenmedaille mit Stern für Verdienste um die Republik Österreich.
Ihre Ideen und Gedanken zu transportieren, bedeutet für VALIE EXPORT auch, Sichtbarkeit für die künstlerische Arbeit von Frauen zu schaffen. Sie kuratiert feministische Symposien und wegweisende Ausstellungen wie MAGNA: Feminismus: Kunst und Kreativität (1975) und Kunst mit Eigen-Sinn: Aktuelle Kunst von Frauen (1985, gemeinsam mit Silvia Eiblmayr, Cathrin Pichler und Monika Prischl-Maier). Ebenfalls mit Silvia Eiblmayr ist VALIE EXPORT Kommissärin für den Österreich Pavillon bei der Biennale di Venezia 2009.
So wie als Kuratorin sucht VALIE EXPORT auch als Künstlerin, Autorin und Lehrende vielfältige Seherfahrungen und analytische Einsichten zu vermitteln. In einem 1977 im Kunstforum International erschienenen Text erklärt VALIE EXPORT, dass die seinerzeit neue Kunstform der Performance dem Publikum die Möglichkeit böte, im Anschluss mit den Künstler:innen zu reden und zu diskutieren. „Performance ist eine verhältnismäßig junge Ausdrucksform und die Leute müssen sie erst kennenlernen“ (VALIE EXPORT 1977). In ihrem Text entwickelt sie für die Zukunft die Vision einer stärkeren Sichtbarkeit der Performancekunst und einer größeren Offenheit des Publikums. VALIE EXPORT geht davon aus, dass ein Publikum, das mit Performances vertrauter sein wird, auch befähigt wäre, eigene Schlüsse zu ziehen und ästhetische Urteile zu fällen.
Kunst kann als Kommunikation und soziale Interaktion mit dem Publikum verstanden werden, beispielsweise in der Performancekunst oder im Expanded Cinema. Kunst kann jedoch auch zum Anlass und zum Gegenstand der Kommunikation werden. Das schließt bei VALIE EXPORT internationale Vorträge, Diskussionen, Manifeste, Konzepttexte und kunstkritische Essays ein. Ab den 1980er Jahren lehrt VALIE EXPORT an Kunsthochschulen und Universitäten in Österreich, in Deutschland und in den USA. Die langjährige Tätigkeit als Professorin für Film an der University of Wisconsin, Milwaukee (1983–1991) bringt VALIE EXPORT mit der englischsprachigen feministischen Film- und Medientheorie in Berührung. Berufungen auf Professuren an der Hochschule der Künste Berlin (1991–1995, heute Universität der Künste) und an der Kunsthochschule für Medien Köln (1995–2005) folgen. Neben der akademischen Lehre verfolgt VALIE EXPORT in den 1980er und 1990er Jahren weiter ausstrahlende Bildungsprojekte. Für den ORF entwickelt sie kunstvermittelnde Dokumentationen. Intensive Rechercheprozesse, dichte Materialmontagen, theoretisch anspruchsvolle Erklärungen und visuelle Effekte lassen ihre Fernseharbeiten zu avantgardistischen Bildungsexperimenten werden. Die Schlagworte „Wissenschaftskommunikation“ oder „Third Mission“ werden erst viele Jahre später in Umlauf kommen.
Um ihre Ideen und Gedanken zu transportieren, eignet sich VALIE EXPORT ein vertieftes konzeptuelles und praktisches Wissen über medientechnische Verfahren an. Eine formal experimentierende Neugier verbindet sie dabei mit einer kritischen Sicht auf die technische Neuordnung von Wahrnehmung, Wissen, Zeit, Reichweite und sozialer Interaktion. VALIE EXPORT wird als „Visionary Pioneer of Feminist Media Art“ mit dem Prix Ars Electronica 2020 für ihr feministisches zukunftsweisendes medienkünstlerisches Werk geehrt. Im Jahr 1999, in einer Zeit, in der sich Modems mit einem lauten Piepen in das Fernsprechnetz einwählen, schreibt VALIE EXPORT über das Internet als „Kontrollorgan“ (VALIE EXPORT 1999). Sie führt das Bild eines „Datenschattens“ ein. Dieser unheimliche, unserer Kontrolle entzogene Doppelgänger erwachse aus unserer Navigation im Netz: „Im täglichen Leben hinterlassen wir eine immer größer werdende Fülle von elektronischen Spuren“ (VALIE EXPORT 1999).
VALIE EXPORTs Datenspuren, Datenträger und Dokumente zu Arbeitsprozessen bilden in der Tat eine sorgfältig bewahrte Fülle! Seit den 1960er Jahren legt sie zu ihren künstlerischen und kuratorischen Projekten ein umfangreiches Archiv an. Im Jahre 2015 erwirbt die Stadt Linz das Archiv und übereignet es der Sammlung des Lentos Kunstmuseums. Seit November 2017 sind die persönliche Bibliothek und die umfangreichen Archivbestände im VALIE EXPORT Center _ Forschungszentrum für Medien- und Performancekunst für Forscher:innen und Interessierte zugänglich. Aus dem Archiv lässt sich viel über die prekarisierten Bedingungen künstlerischer Arbeit, über Entwurfsprozesse, über sexistische Anfeindungen, über die Wirkungsmacht feministischer Netzwerke, über begründete Hoffnungen, über gescheiterte Projekte, über zeitgeschichtliche Umbrüche und gesellschaftliche Beharrungskräfte lernen.
Wir sind bestürzt über den Tod von VALIE EXPORT. Wir denken mit großer Bewunderung und Dankbarkeit an sie. Von ihren künstlerischen Werken, ihrer feministischen Haltung und ihren kritischen Recherchen zur Gegenwart haben wir viel gelernt. Ein unauflösbarer Widerspruch blieb für uns immer bestehen: zwischen der aufrüttelnden Radikalität von VALIE EXPORTs Werk und den herzerwärmenden humorvollen Begegnungen mit VALIE.
Wir verstehen nur sehr langsam, dass wir jetzt ohne sie an Utopien arbeiten müssen – gegen die Trägheit, gegen den Konformismus und gegen die Gewalt.
Linz, am 18. Mai 2026
- Pressemitteilung: Lentos Kunstmuseum trauert um VALIE EXPORT PDF | 41 kb

- Pressemitteilung: Kunstuniversität Linz trauert um VALIE EXPORT PDF | 35 kb

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Online-Archiv
VALIE EXPORT Center Linz
Das VALIE EXPORT Online-Archiv ist ein Forschungsprojekt des VALIE EXPORT Centers Linz, dessen Entwicklung und Programmierung durch eine Förderung des Bundesministerium Sektion IV für Kunst und Kultur Abteilung IV/1 unterstützt wurde. Das Online-Archiv gibt einen repräsentativen Überblick über den Archivbestand und bietet Interessierten einen offenen Zugang zu Digitalisaten und Metadaten.
Hinweis
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VALIE EXPORT Center Linz
Die Unterstützung der Bibliothek der Kunstuniversität Linz gewährleistet es, den gesamten literarischen Bestand des VALIE EXPORT Centers Linz öffentlich zu recherchieren.
Laufend werden auch die Ankäufe des VALIE EXPORT Centers Linz aufgenommen, um aktuelle Diskurse in den Themenfeldern Performance, Medien- und Bildwissenschaft, Film, Psychoanalyse, Feminismus, Philosophie, et cetera abzubilden.







