Ira Konyukhova

PhD Kandidatin Junior Fellowship 2019-2021

Re-construction of "Femininity": The question of Gender in Art in Times of Artificial Intelligence-Technology

In ihrer PhD-Arbeit wird Ira Konyukhova den Einfluss gegenwärtiger Technologien auf die soziale Konstruktion von Geschlecht untersuchen und dabei das weniger wissenschaftlich erforschte Werk von VALIE EXPORT aus den 1990er Jahren einbeziehen und neu kontextualisieren. An diesem Punkt ihrer Karriere konzentrierte sich VALIE EXPORT auf die techno- und cyberfeministischen Ideen, um einen neuen Möglichkeitsraum für eine genderqueere Zukunft zu schaffen. Ausgehend von den Arbeiten der späten 1980er Jahre hinterfragt EXPORT den gängigen Begriff von Geschlechtsidentität (z.B. im Exposé für den nicht realisierten Film Grenzenlose Liebe auch: Die Meta-Morphose, 1989/1990) und untersucht Möglichkeiten körperlicher Erweiterungen sowie mediale Repräsentationen und Konstruktionen von Weiblichkeit und weiblicher Identität. Konyukhova analysiert und reflektiert die zeitgenössischen KI-Technologie ausgehend von EXPORTs Vortrag Das Reale und sein Double: Der Körper sowie dem Drehbuch für einen nicht realisierten Film Der Virtuelle Körper. Vom Prothesen- zum postbiologischen Körper. Damit setzt sie die Tradition der Analyse von Weiblichkeitskonstruktionen als Lackmustest für die gesellschaftspolitischen Veränderungen innerhalb der techno-kapitalistischen Gesellschaft fort.

VALIE EXPORT registriert den Ausschluss der Frauen vom technologischen Fortschritt durch die phallokratische Gesellschaft, die den "anderen" Körper auf die reproduktive und Rolle der Fürsorge zu reduzieren sucht. In den Jahrzehnten nach den Überlegungen von VALIE EXPORT zu diesem Thema interessiert sich Ira Konyukhova dafür, wie die queer-, cyber- und xenofeministischen Theorien, feministischen Kämpfe und Errungenschaften in den letzten 30 Jahren (insbesondere seit der Auflösung der Sowjetunion und der radikalen Globalisierung) die Fragen nach dem Geschlecht in der Technik verändert haben. Hier interessiert sie sich u.a. für geschlechtsspezifische virtuelle Assistent*innen, deren Missbrauch für sexuelle Zwecke, Sex- und Therapie-Chatbots, Sex-Androiden und Dating-Apps, die die Partnerwahl maximal automatisieren. Ausgehend von der Forschung von VALIE EXPORT, in der Politik, weibliche Körperlichkeit und technologisches Dragging (Veränderung und Perfektionierung des "natürlichen Körpers" mit Hilfe sogenannter "Prothesen") in Zusammenhang gebracht werden, wird Konyukhova auch unter Miteinbezug ihrer eigenen künstlerischen Praxis erforschen, wie sich die Geschlechterverhältnisse innerhalb und mit Hilfe neuer Technologien replizieren.

Dabei nimmt sie die Herstellung heteronormativer lesbischer Identität durch Julia Wolkowa und Lena Katina, beide Mitglieder der russischen Popband t.A.T.u., zum Ausgangspunkt. Die Band hatte in den frühen 2000er Jahren – der Zeit unmittelbar nach den theoretischen und künstlerischen Reflexionen über Technologie, Einfluss der Medien und Geschlechtsidentität von VALIE EXPORT – unerwarteten internationalen Erfolg. t.A.T.u.s Identität und öffentliches Image wurden einerseits durch die Einbeziehung zeitgenössischer technologischer und demokratischer Errungenschaften in die sexuelle Sphäre aufgebaut, i.e. durch die Ausbreitung des Internets auf post-sowjetische Territorien und folglich den freien Zugang zu den pornographischen Web-Plattformen sowie der Entstigmatisierung des Vibrators und homosexueller Beziehungen. Auf der anderen Seite reproduzierten sie – trotz ihres eindeutig homosexuellen Image – die heteronormative weibliche Identität als zum Opfer stilisiert, zerbrechlich, jung und unterwürfig.

 

Biografie

Ira Konyukhova ist Künstlerin, Schriftstellerin und feministische Aktivistin. Sie studierte Physik in Moskau und Bildende Kunst in Mainz und Reykjavik sowie Medienkunst und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Karlsruhe (HFG), die sie 2017 mit dem Diplom abschloss. In ihrer Praxis erforscht sie den Zusammenhang zwischen weiblicher Sexualität, Pop-Resilienz und kolonialen technologischen Praktiken, die vor allem, aber nicht nur in Video, Skulptur und Installation ihren Ausdruck finden. Ihre Arbeiten wurden auf verschiedenen internationalen Festivals und Ausstellungen präsentiert, u.a. DocLisboa, Athen Biennale, Teneriffa Espacio del Arte, Exground Film Festival. Konyukhova war Stipendiatin des Medien- und Filmförderpreises Rheinland-Pfalz, des BS Projects Residenz Programmes in Braunschweig sowie des ifa Reisestipendiums. Sie ist außerdem Gründerin der Online- und Offline-Publikation TransitoryWhite, die sich mit transkultureller, dekolonialer künstlerischer Produktion in post-sowjetischen und post-kommunistischen Räumen beschäftigt. Mehr Informationen zu Ira Konyukhova finden sie auf www.kair98.com