Schriften / Band 1

VALIE EXPORT.
Der virtuelle Körper. Vom Prothesenkörper zum postbiologischen Körper

VALIE EXPORT Center Linz in Kooperation mit dem Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.)
Hrsg. von Marius Babias und Sabine Folie
Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln, 2020
 

„Der essayistische Dokumentarfilm erzählt die Geschichte des Körpers als eine Reise der Körperdarstellungen und Performances, beginnend bei den ersten Kulturen bis hin zu unserer digitalen Epoche. Er beschäftigt sich mit Körperritualen, Körperbewegungen und Körpermarkierungen verschiedener Kulturen, mit dem zivilisatorischen Körper in (der) Kunst und Wissenschaft und letztendlich mit dem virtuellen, dem unberührbaren Körper. Er erzählt von Replikanten, Hybriden, Chimären, Avataren, Aliens, Robotern, Girlmonstern und Cyberfeministinnen. Aber auch von der modernen Genforschung und ihrem Traum vom künstlichen Leben“.
VALIE EXPORT, Sprich Körper, 2011, Synopsis zu einer späteren Version des Drehbuchs, VALIE EXPORT Center Linz (VEC), Konvolut 148.

Als VALIE EXPORT Ende der 1990er Jahre das Drehbuch Der virtuelle Körper. Vom Prothesenkörper zum postbiologischen Körper verfasst, führt sie ein Projekt fort, das im Grunde seit Beginn ihrer künstlerischen Arbeit angelegt erscheint. Das Drehbuch stellt kein singuläres Ereignis dar, das sich dem Zeitgeist verdankt, sondern ist die Fortschreibung einer Beschäftigung mit dem Körper als Entität, ein Körper, der von technologischen und gesellschaftlichen Paradigmen markiert, zugerichtet und fortlaufend verändert wird.

Um 1987, kurz vor dem Beginn mit der Arbeit an der Serie der „digitalen Fotografie um 1989 – Arbeiten mithilfe digitaler Techniken des Computers – entstehen nahezu zeitgleich einige Projekte, die als Vorboten für ihr Drehbuch von 1999 zum „Virtuellen Körper“ gelesen werden können. Zu nennen ist ein Drehbuch zu Unica Zürn, Unica (1987), ein Exposé zu einem Film über Ada Lovelace, Ada Lady Lovelace (1987), ein Exposé zu dem Film Alaska (später im Untertitel Anagrammatischer Film), ein Exposé zu einem „Video/Computer Tape (Work in progress)“ mit dem Titel MACHINE BODIES–BODY MACHINE. BODY SPACE – The Presence of Utopia(working title) (1987) oder der Vortrag „Das Reale und sein Double: Der Körper“. Mögliche, virtuelle, queere Körper werden auch im nicht realisierten Film Grenzenlose Liebe (auch: Die Meta-Morphose) von 1989/1990 fantasiert.

Von diesem Punkt aus ist die Vorstellung, sich der komplexen Fragestellung einer umfassenden Geschichte des „Virtuellen Körpers“ zu widmen, naheliegend, aber die Idee, einen Film dazu zu realisieren, musste noch ein Jahrzehnt warten. Der Virtuelle Körper. Vom Prothesenkörper zum postbiologischen Körper sollte nun kein „anagrammatischer Film“ werden, keine Phantasmagorie der Identitäten unter Einsatz filmischer Mittel der Montage, Collage etc., vielmehr war das Ansinnen eine Bestandsaufnahme – formal eine Art Textmontage, Sampling – der Überlegungen aus naturwissenschaftlichen, technologischen und künstlerischen Erkenntnissen und Forschungsfeldern der ausgehenden 1990er Jahre zu brisanten Themen der Künstlichen Intelligenz, der Auffassung von Raum und Zeit in der digitalen Welt, des Traums vom Prothetischen – unter Heranziehung einer Vielzahl von zu einem verdichteten Plot verwobenen Text- und Bildquellen.

Die Zeit allerdings, in der für das Fernsehen konzipierte Essayfilme zu bestimmten Themen produziert wurden – künstlerisch anspruchsvoll und gleichzeitig an ein massenmedial sozialisiertes Publikum gerichtet – dürfte in den 1990er Jahren vorbei gewesen sein. Im Auftrag des ORF hatte Export in den 1980er Jahren gleich mehrere solcher Filme für das Format „Kunststücke“ produziert: 1984 den Dreiteiler Das Bewaffnete Auge – VALIE EXPORT im Dialog mit der Filmavantgarde mit den Themen: „Inszenierter Raum – Inszenierte Zeit“, „Reale Bewegung – bewegliche Realität“ und „Struktureller Film“; 1985 folgt Tischbemerkungen, 1986 The Yukon Quest und 1989 Aktionskunst International

Der Videoessay über den „Virtuellen Körper“ war ursprünglich mit einer Länge von 90 Minuten konzipiert, aber seine Produktion wurde nach langen Vorbereitungen (seit 1994) wegen Budgetkürzungen der „Kunststücke“ im Juli 1999 vorerst auf Eis gelegt und am Ende nicht realisiert.

Nun liegt das umfangreich annotierte und bebilderte Drehbuch erstmals in publizierter Form vor.

Sabine Folie

(Auszug aus der Einführung in der Publikation des Drehbuchs)

 

Das Buch erscheint als Kooperation zwischen dem Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) und dem VALIE EXPORT Center Linz:
VALIE EXPORT, Der virtuelle Körper. Vom Prothesenkörper zum postbiologischen Körper, hrsg. von Marius Babias und Sabine Folie, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln, 2020.